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Respekt und Mitgefühl
Flüchtlinge in Dinkelsbühl

Bittere Armut ist rechtlich betrachtet kein Grund für Asyl, auch Perspektivlosigkeit nicht. Nur wem persönliche massive Diskriminierung oder Verfolgung drohen oder wer aus einem akuten Kriegsgebiet fliehen muss, hat rechtlich ein Anrecht auf Asyl. Im Klartext: unter den Dinkelsbühler Flüchtlingen waren einige, die Asyl bekommen werden und viele andere wissen noch gar nicht, dass ihre Hoffnungen vergeblich sind. Sie haben sich die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht, haben das genommen, was sie tragen konnten, und haben mit ihren Familien alles hinter sich gelassen, um irgendwo neu anzufangen, Arbeit zu finden und eine Ausbildung für ihre Kinder. Viele haben Unsummen an dubiose LKW- oder Taxifahrer, an gewissenlose Kapitäne und andere Schleuser bezahlt. Nun glauben sie, es geschafft zu haben – in einem Vakuum fern von zuhause und an keinem neuen Anfang.
An einem kalten, aber sonnigen Freitag kamen sie an. Herr Gerhäußer vom Landratsamt übernahm statt Weihnachtsurlaub die Organisation vor Ort. Das Rote Kreuz hatte Pritschen, Bierbänke, Tische aufgestellt und eine erste warme Suppe für alle zubereitet. Eine Hälfte der Turnhalle war als „Schlafsaal“, die andere Hälfte als Aufenthaltsbereich mit Essensausgabe vorbereitet. Die Halle war ziemlich kalt –die Hauptwärme stieg unter die Decke. Kinder liefen herum. Dinkelsbühl war für viele die fünfte Etappe. Einige sprechen ein bisschen deutsch oder englisch, andere nur ihre Landesprachen. Zwei Äthiopier erzählen. Einer von ihnen ist Hochschulabsolvent und übersetzt in Englisch, was sein junger Tischnachbar erzählt. Er spricht leise und sieht sehr scheu aus. Wenn er aufschaut, erinnert er mich an meine eigenen Kinder. Fünf Monate hatte seine Flucht gedauert: durch die sudanesische Wüste, übers Mittemeer auf einem der berüchtigten hoffnungslos überfüllten kleinen Boote, die letzten Meilen schwimmend – wer´s schafft, erreicht die Küste.... , weiter quer durch Europa. Er ist das jüngste Kind einer großen Familie und ganz allein geflohen. Er wirkt tief in Erinnerungen versunken.
Am nächsten Morgen hat kaum einer geschlafen: 98 Menschen dicht an dicht, dünne Notdecken aus Papier-Flies. Mithilfe von Spenden und Dank Georg Habelt konnten warme Fleece-Decken beschafft werden. Das sorgte für tiefe Dankbarkeit. Allen war klar, dass die Menschen dort Beschäftigung brauchen, vor allem die Kinder. Das Engagement der Bevölkerung war grandios! Respekt und Mitgefühl schafften eine freundliche Atmosphäre in der Turnhalle. Und alle Helfer/innen bekamen viel zurück. Als die Flüchtlinge abreisen, fließen Tränen. Der Abschied ist herzlich und es bleiben viele Fragen: Was ist mit all diesen Schicksalen? Was muss geschehen, damit 50 Millionen Menschen auf der Flucht wieder ein lebenswertes Leben führen können? ... Welchen Anteil haben wir? Warum ist es erlaubt, auf Weizen zu spekulieren? ... Es gibt enorme Herausforderungen für die Weltpolitik, in der alle in einem Boot sitzen, ob sie wollen oder nicht. Die Dinge sind kompliziert, aber unerschütterlich gilt in jedem Moment die Basis unseres Grundgesetzes: „Die Menschenwürde ist unteilbar“. ALLE Flüchtlinge verdienen einen menschenwürdigen Umgang – egal woher sie kommen und ob sie Asyl bekommen oder zurück in ihr Land müssen. Begriffe wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ setzen ganze Volksgruppen herab und aktivieren den „Mob“. Es müssen gute transparente Regeln und bessere Wege gefunden werden, aber hinter jedem „Fall“ steht ein Mensch und ohne Liebe gibt es keine Wahrheit.

Erstellt von Monika Hoenen für den Pfarrbrief 03/2015 der evangelischen Kirchengemeinde.